Methodik v0 — EEG-Differenzkosten tagesgenau (Daten-PoC)
Stand: 11.07.2026 · Status: Proof of Concept, Zahlen validiert gegen amtliches EEG-Konto
Fragestellung
Was kostet die Förderung erneuerbarer Energien (EEG) das EEG-Konto — und damit seit Juli 2022 den Bundeshaushalt, also die Steuerzahler — pro Tag? Anlass: YouTube-Video „Irrsinn: 132 Mio € Kosten für sauteuren Solarstrom am Sonntag!" (Outdoor Chiemgau, 29.04.2026) über den 26.04.2026.
Datenquellen
| Quelle | Inhalt | Zugriff |
|---|---|---|
| Energy-Charts API (Fraunhofer ISE) | 15-min-Erzeugung je Technologie, Day-Ahead-Preise (DE-LU, 15-min-MTU) | frei, pipeline/fetch_energycharts.py |
| ÜNB EEG-Finanzierungsbedarf 2026 (24.10.2025, Prognose IE Leipzig) | Ø-Vergütungssätze je Technologie und Veräußerungsform, Mengenprognose je Veräußerungsform | PDF in data/raw/ |
| netztransparenz EEG-Kontoübersicht | amtliche monatliche Ist-Einnahmen/-Ausgaben des EEG-Kontos | PDF in data/raw/ (Stand Mai 2026) |
Modell (Zwei-Bucket, je Viertelstunde und Technologie)
Netzeinspeisung E wird nach der ÜNB-Mengenprognose aufgeteilt in:
- Festvergütung (FV) — kleine/alte Anlagen. Die ÜNB vermarkten diesen Strom an der Börse und zahlen die feste Vergütung:
Kosten_FV = E_FV × (Ø-Festvergütung − Spotpreis). Negative Preise erhöhen hier die Kosten direkt (das „Draufzahlen"). - Marktprämie (MP) — große/neuere Anlagen in Direktvermarktung:
Kosten_MP = E_MP × max(0, Ø-anzulegender-Wert − Monatsmarktwert(Tech)) × (1 − z). Der Monatsmarktwert ist der mengengewichtete Spotpreis der Technologie im Monat (aus denselben Daten berechnet).z= Anteil der MP-Menge, deren Prämie nach § 51 EEG bei Negativpreisen entfällt — abhängig von der Baujahr-Kohorte (6h/4h/3h/2h-Regel bis „sofort" nach Solarspitzengesetz 02/2025), implementiert über die Länge zusammenhängender Negativpreis-Läufe (neg_run_lengths). - Kein EEG-Geld bekommen: sonstige Direktvermarktung (§ 21a), ausgeförderte Anlagen, Eigenverbrauch. Diese Mengen kosten im Modell 0 €.
Zum Vergleich rechnet das Modell die naive Methode des Videos mit: gesamte Erzeugung × „Ø EEG-Vergütung alle" − Spot-Erlös. Das Video nutzt nachweislich die ÜNB-Durchschnittssätze (Solar 140,73; Wind onshore 77,71; Wind offshore 160,79 €/MWh — exakt Folie 7 des Finanzierungsbedarf-Dokuments).
Kalibrierung gegen das amtliche EEG-Konto (Kern-Mechanik)
Amtliche Monatswerte: pipeline/extract_calibration.py parst die netztransparenz-PDFs (Positionen „Zahlungen nach § 19/§ 50 EEG" und „Erlöse aus der Vermarktung nach § 2 EEV", Konsistenz-Check gegen die Jahressumme) → data/calibration.json, aktuell 2025-01 bis 2026-06.
Cash-Lag-Befund: Die EEG-Konto-Zahlungen für Erzeugungsmonat M fließen überwiegend erst in M+1 (Abschlags-/Marktprämien-Abrechnung). Ohne Lag streuen die Kalibrierfaktoren wild (0,65–2,57), mit Lag = 1 Monat werden sie stabil: 1,05–1,38 für 2026, 1,18–1,70 für 2025 (dort gelten die 2026er-Durchschnittssätze nur näherungsweise). Der laufende Monat nutzt den Median der letzten 3 Faktoren (aktuell 1,268).
Der verbleibende Faktor > 1 zeigt systematisch unmodellierte Auszahlungskomponenten (höhere Alt-AWs im Bestand, Flexibilitätsprämie, Mieterstromzuschlag, Nachzahlungen). Die Kalibrierung verteilt sie multiplikativ auf die Tage — ausgewiesen wird immer Modellwert UND kalibrierter Wert.
Unabhängige Validierung: Das Modell zählt für 2025 574,8 Negativpreis-Stunden; die amtliche netztransparenz-Statistik weist 576 aus (Endpunkt /data/NegativePreise, abgerufen 26.07.2026) — eine Abweichung von 0,2 %. Die früher hier genannte Zahl 573 war ohne Quellenangabe und wird nicht weiterverwendet.
Ergebnis für den 26.04.2026 („132-Mio-€-Sonntag")
| Methode | EEG-Kosten des Tages |
|---|---|
| Video (naiv + teilweise §51) | ~122 Mio € (+ 10 Mio Abregelung/Redispatch = „132 Mio") |
| Modell naiv (Video-Methode nachgebaut) | 138,4 Mio € |
| Modell verfeinert (Zwei-Bucket + §51) | 86,1 Mio € |
| verfeinert + amtlich kalibriert (×1,231) | ~106 Mio € |
Einordnung (Stand 11.07.2026, revidiert nach Cash-Lag-Kalibrierung):
- Der 26.04. war der drittteuerste Tag seit Anfang 2025; die Richtung des Videos stimmt. Der 01.05.2026 war mit ~114,5 Mio € sogar teurer.
- Die Video-Zahl liegt ~15 % über unserem kalibrierten Wert (122 vs. ~106 Mio €) — deutlich näher dran als das unkalibrierte Modell nahelegte. ABER: Die naive Methode ist strukturell falsch und landet teils zufällig richtig, weil sich zwei Fehler gegenläufig kompensieren: Sie überzählt (Misch-Satz auf GESAMTE Erzeugung inkl. Mengen ohne EEG-Anspruch; MP-Anlagen als „AW − Spot" statt „AW − Monatsmarktwert"; §51 nur teilweise) und lässt zugleich reale Auszahlungskomponenten weg (Alt-AWs im Bestand, Flexprämie u. a.), die unsere Kalibrierung erfasst.
- Redispatch/Abregelung (~10 Mio €) sind Netzentgelte (Stromkunde), nicht Bundeshaushalt (Steuerzahler) — getrennte Töpfe, im Video vermischt.
- Tagesgenau naiv gerechnet überzeichnet der Video-Ansatz den April 2026 um ~24 % (naiv 1.783 vs. kalibriert-amtlich ~1.784×(30/31)-Basis; Monatssummen: Modell 1.450, amtlich lag-bereinigt 1.784, naiv 1.783 — die Nähe von naiv zum Amtlichen ist Koinzidenz dieses Monats, siehe oben).
Backfill-Ergebnisse (2025-01 – 2026-07)
- 2025 gesamt (kalibriert): 16,24 Mrd € Netto-Differenzkosten — deckt sich mit dem amtlichen Jahresergebnis (~16,3 Mrd, Bundeszuschuss 2025).
- 2026 bis 11.07.: 7,66 Mrd €, bereits 329,5 Negativpreis-Stunden (ganz 2025: 574,8) — Kurs auf die prognostizierten ~800.
Bekannte Grenzen v1 (zusätzlich zu v0)
- Multiplikative Tages-Kalibrierung: Der Monatsfaktor enthält auch mengenunabhängige Komponenten (z. B. Flexprämie); teure Tage bekommen dadurch proportional mehr Residual zugerechnet. Band Modell↔kalibriert als Unsicherheitsspanne kommunizieren.
- 2025-Rückrechnung nutzt 2026er-Sätze (einzige verfügbare ÜNB-Prognosetabelle) — daher dort größere Faktoren; für Trends ok, für 2025-Tagesabsolutwerte mit Vorsicht.
- Cash-Lag = 1 Monat pauschal: empirisch bester Fit, aber Jahresabrechnungseffekte (z. B. Juli-Spitzen) verschmieren.
Bekannte Grenzen v0 (Aufgaben für v1)
- Kohorten-Mix (
COHORT_MIXinmodel.py): Aufteilung der Direktvermarktungs-Mengen auf §51-Regel-Kohorten ist geschätzt → verfeinern via Marktstammdatenregister. Das ist die wertvollste Stellschraube. - Energy-Charts „public power" vs. EEG-vergütete Menge: Abgrenzung Eigenverbrauch/Industriekraftwerke unscharf → Kalibrierung fängt Niveaufehler ab, Struktur bleibt.
- Zahlungszeitpunkte: amtliche Monatswerte sind Cashflows (Abschläge, Nachberechnungen), nicht Erzeugungsmonat — leichte Verschiebungen.
- §51a-Nachholung (Verlängerung des Förderzeitraums, Faktor 0,5 bei PV) ist eine ZUKÜNFTIGE Belastung, die hier nicht als Tageskosten erscheint — ehrlich ausweisen.
- Monatsmarktwert offiziell = Day-Ahead-Referenz der ÜNB; unsere Näherung aus eigenen Daten weicht minimal ab.
- Wasserkraft nur Run-of-River (Speicher vernachlässigt); „Waste"/DGK nicht modelliert (klein).
Reproduzieren
python3 pipeline/derive_cohorts.py # §51-Kohorten (MaStR-Zubau)
python3 pipeline/model.py backfill 2025-01 2026-07 # holt Daten + rechnet Monate
python3 pipeline/model.py summary # Kalibrierung + summary.json
python3 tests/test_model.py
# amtliche Kalibrierwerte aktualisieren (pypdf in .venv):
PYTHONPATH=pipeline .venv/bin/python pipeline/fetch_calibration.py 2026
Woran sich dieses Modell messen lässt
Zwei unabhängige Prüfungen gegen amtliche Daten — jeweils eine Momentaufnahme mit Datum, keine laufende Garantie: die Abgleiche laufen bislang nicht bei jedem Bau der Seite automatisch neu.
- Negativpreis-Stunden 2025 (Stand 26.07.2026): das Modell zählt 574,8, die amtliche netztransparenz-Statistik weist 576 aus — 0,2 % Abweichung.
- §51-Beurteilung April 2026 (Stand 26.07.2026): bei 704 von 718 Stunden stimmt die Modellaussage, ob die Vergütung entfällt, mit den amtlichen Flags überein. Die Abweichungen liegen an den Rändern der Negativpreis-Läufe und wirken gegenläufig: bei den kurzen Regeln greift das Modell 14-mal zu oft, bei der 6-Stunden-Regel 12-mal zu selten.
Beide Abweichungen verändern das Monatsniveau nicht, weil auf die amtliche Monatssumme kalibriert wird — sie verschieben nur die Verteilung zwischen einzelnen Tagen.
Quellen
- Energy-Charts (Fraunhofer ISE) — 15-min Erzeugung + Day-Ahead-Preise
- netztransparenz.de EEG-Kontenübersicht — amtliche Monats-Kalibrierung
- ÜNB EEG-Finanzierungsbedarf 2026 — Vergütungssätze und Mengenanteile
- MaStR/BNetzA via Energy-Charts installed_power — §51-Kohorten